da diverse medikamente *zwinker&kicher* gerade meinen kopf nicht immer schlafen lassen wollen, habe ich freude an nächtlichen schreibaktivitäten. zugegeben: sie sind größtenteils nicht wirklich sinnreich. gestern hatte ich jedoch eine große freude daran, dem philosophen maluschke während eines seminars zu lauschen. warum ich z.t. wortwörtlich mitgeschrieben habe, lässt sich im nachhinein logisch allerdings nur schwer rekonstruieren. fest steht für mich aber, dass wir das gleiche bild vom menschenbild haben.
ganz uneigennützig war der nachstehende beitrag freilich nicht. in einer umfrage an der hochschule habe ich versucht, dem selbstverständnis der studierenden im hinblick auf das eigene handlen bzw. dem dahinter stehenden menschenbild zu ergründen. schwer interessant - die erkenntnis aber altbekannt: reden und handeln sind zwei verschiedene paar schuhe. stellt sich für mich nun die frage, wie ich dieser widersprüchlichkeit auf den zahn fühlen kann. eine weitere erhebung gibt vielleicht aufschluss.
so: nun die versprochene zusammenfassung von mir!
Prof. Dr. Günther Maluschke, Universität Fortaleza (UNIFOR), Brasilien
Im Rahmen des Seminars: Menschenbilder und ihre Bedeutung für Wissenschaft und Berufspraxis, Ch. Käppler
Sind Menschenrechte anthropologisch begründbar?
„Als Philosoph bin ich in dieser Frage Agnostiker.“
„Rezension“ zu Fahrenbergs „Menschenbilder“ aus der Sicht eines Philosophen, 14.07.2008
Maluschke bezeichnet Fahrenbergs Materialsammlung als gemachte Supertheorie. Sinnvoll, so Maluschke, wäre eine Anschlussanalyse, um Fragen dieser heterogenen Theorien und methodische Wege im Umgang damit aufzuzeigen. Aus wissenschaftlich-philosophischer Sichtweise „geht das nicht“. Eher interessiert die Tatsache „wie man konsequent Anthropologie betreiben kann.“
Problem Fahrenbergs, so Maluschke, ist die Verbindung von Menschenbild und Moral bzw. Weltethos. Er stellt die Gleichzeitigkeit von Anthropologie Was ist der Mensch? und Ethik Was soll der Mensch? in Frage.
Unterstützt wird Maluschkes Annahme auch aus sozialwissenschaftlicher Perspektive:
„Man kann aus der Anthropologie keine Ethik ableiten. Annahmen beeinflussen das Handeln. Reflektiert oder unreflektiert.“ (Käppler)
Maluschke verneint, dass ihn selbst ein Menschenbild beeinflusse – unterstellt wird es ihm dennoch. „Ich habe nicht mal gesagt, dass ich eines habe. Sollten wir eines haben? Ich bin da sehr zurückhaltend, was mein Menschenbild betrifft.“
Maluschke zitiert unterstützend das Alte Testament, versteht sich aber nicht mehr als Theologe – auch wenn er es einmal war: „Ich bin davon abgekommen. Jugendsünden.“
Nochmals betont er, dass man mit seinem Menschenbild sehr zurückhaltend sein sollte: „Menschenbilder dissoziieren, sie führen nicht zu Konsens.“ Er nimmt Bezug auf den Präferenzutilitaristen Singer, stellt die Frage nach Person in den Raum: „Sind geistig behinderte Menschen wirklich Personen und kommt ihnen Menschenwürde zu? Deswegen bin ich der Meinung, man sollte sich möglichst kein Menschenbild machen. Ich finde es wichtig, wie man mit Menschen umgeht.“
Onthologische Aspekte spielen dabei für Maluschke entscheidend mit: „Kann man eine Wesensaussage über den Menschen machen? Ich sage nein.“
„Hegel meinte, man könnte zu einem absoluten Wissen kommen. Ein absolutes Wissen ist für den Menschen unerreichbar. Wir können uns nie sicher sein, ob unsere Hypothesen richtig sind. In der wissenschaftlichen Theorie gibt es keine absolute Sicherheit. Wir haben ein provisorisches Wissen. All unser Wissen bleibt Stückwerk. Wir kommen nie zur Wirklichkeit. Wenn wir zu Wesensaussagen kommen würden, dann würde das Wesen ja erfasst. Wie wollen Anthropologen über sich Wesensaussagen machen? Das Schwierigste ist, sich selbst zu erkennen. Jedes Mal, wenn ich mir vorstelle Was ist der Mensch? komme ich ins Zweifeln.“
Jenes sich ständig überholende und daher nur vorläufige Stückwerk Wissen wird durch neuere Erkenntnisse aus der Zwillingsforschung gestützt: „Durch genetische Variation findet Selektion statt. Muss man genetische Auffassungen vollkommen über den Haufen werfen? Genetische Informationen werden durch die Umwelt variiert.“ (Käppler) Zwillingsstudien zeigen, dass nicht von einheitlichem Genmaterial ausgegangen werden kann. Vielmehr handelt es sich um eine Interaktion von Umwelt und Genetik.
„Das Beispiel zeigt, wie vorläufig unser Wissen ist. Immer wieder werden wir in unseren Erkenntnissen erschüttert.“ (Käppler)
Sichtweisen „bewähren sich“, so Maluschke, „so lange sie sich bewähren. Wo ist die Instanz für neue Theorien? In der Wirklichkeit.“
Maluschke fragt sich, wie nun ein Philosoph mit dem Thema Menschenbild umgehen würde. Er zitiert aus Fahrenbergs Abriss zur philosophischen Anthropologie, geht dabei v. a. auf die angeführten Defizite ein. Maluschke bestätigt, dass die philosophische Anthropologie Grenzen hat, betont aber zugleich, dass dies auf die Anthropologie insgesamt auszuweiten ist: „Anthropologie bietet keine Begründung für Menschenrechte. Normen sind aus dem Menschenbild nicht ableitbar.“
Erneut spannt er den Bogen: „Gibt es das Menschenbild oder nur heterogene Menschenbilder? Menschenbilder bergen die Gefahr des Dogmatismus.“
Maluschke untermauert seine Aussagen durch Schlagworte, führt Vergleiche an. So bezieht er sich etwa auf die Freudianer Religion ist Illusion oder erinnert an das klassische Menschenbild der Antike und dem damit verbundenen selbstverständlichen Umgang mit beeinträchtigten Menschen, d.h. der Ausschluss und das Töten jener. Auch wirft er die Frage auf, ob der Mensch nun gut oder böse sei.
Orientieren wir uns an dem pessimistischen „Vorgaben“ der Bibel oder Hobbes oder eher an dem optimistischen Rousseaus?
„Ich habe kein pessimistisches, aber auch kein optimistisches. Es gibt bestimmte Situationen, in denen der Mensch böse sein muss.“
Abschließend und in Hinblick auf die Begründbarkeit von Menschenrechten wird nochmals auf Kants anthropologische Ethik und die damit verbundene Frage Was soll der Mensch? eingegangen: „Wir können ja nicht ohne Ethik auskommen. Wenn es nicht aus der Anthropologie abgeleitet werden kann, wie kann man es dann begründen?“ (Käppler)
Maluschke betont erneut seinen Standpunkt, dass Anthropologie und Ethik getrennt diskutiert werden müssen: „Wenn wir wissen, was der Mensch ist, folgt daraus nicht, was er tun soll. Ich kann nur sagen, der Mensch hat Vernunft. Aus Ist-Aussagen folgen keine Soll-Aussagen. Das wäre ein Fehlschluss.“
In Bezugnahme auf die Menschenrechte stellt er heraus, dass auch jene nur Konstrukt sein können: „Ethische und juristische Normen werden nicht in der menschlichen Natur gefunden. Sie werden erfunden. Andere können sagen, die sind von Gott, vom Himmel gefallen. Es sind positive Setzungen, von Menschen geschaffen. Was Menschenrechte sind, erkannte man aus dem Gegenteil. Ich finde sie eine hervorragende Erfindung.“
„Ich hoffe, dass ich Sie jetzt nicht mehr verwirrt habe, als nötig war.“